«Historische Holzbauten verdienen mehr Respekt»
Die Schweiz ist reich an historischen Holzbauten. Doch bei Umbauten und Sanierungen geht oft wertvolle Bausubstanz verloren. Moritz Schiess will das ändern und setzt sich dafür im neu gegründeten Fachverband für Denkmalpflege ein.

Moritz Schiess führt gemeinsam mit Martijn Fuchs die Zimmerei S & F Holzbau. Zudem ist er Gründungs- und Vorstandsmitglied des neuen Fachverbands für Denkmalpflege im Holzbau. An der Berner Fachhochschule schreibt er derzeit seine Abschlussarbeit für den «MAS Denkmalpflege und Umnutzung».
Im Interview erzählt er, was ihn an alten Holzbauten fasziniert und weshalb traditionelles Handwerk Zukunft hat.
Moritz, wofür engagierst du dich im neuen Dachverband für Denkmalpflege für Holzbau?
In der Schweiz stehen unglaublich viele historische Holzbauten. Doch wir gehen oft nicht sorgfältig genug mit ihnen um. Bei der Restaurierung einer Fassadenmalerei oder eines Kirchenaltars zieht man selbstverständlich Fachleute hinzu. Bei einem historischen Dachstuhl hingegen heisst es schnell: «Das kann der Zimmermann machen.» Dabei fehlt vielen Zimmerleuten das nötige Fachwissen. So geht wertvolle Bausubstanz verloren.
Was möchte der Verband daran ändern?
Wir wollen die Qualität in der Denkmalpflege verbessern. Unser Ziel ist, dass an geschützten Gebäuden nur Handwerkerinnen und Handwerker mit entsprechender Zusatzausbildung arbeiten. Und zwar von Anfang an: Unser Fachwissen gehört bereits in die Planung, nicht erst auf die Baustelle.
Wie kann das gelingen?
Indem wir Fachleute ausbilden, den Austausch untereinander und über Berufsgrenzen hinweg fördern und die Qualität unserer Arbeit sichern.
Du absolvierst selbst den MAS Denkmalpflege und Umnutzung an der Berner Fachhochschule. Was reizt dich daran?
Mich fasziniert, wie viel Wissen bei historischen Bauten zusammenkommt. Es geht um Handwerk und Konstruktion, aber auch um die Sozialgeschichte der Schweiz. Ich tausche mich mit Kunsthistorikerinnen und Denkmalpflegern aus und beschäftige mich mit Fragen wie Brandschutz oder Energieeffizienz. Mich reizt die Herausforderung: Wie erfüllen wir heutige Anforderungen, ohne die historische Substanz zu zerstören?
Dafür brauchen wir Fachleute, die historische Konstruktionen verstehen und traditionelle Techiken beherrschen.
Moritz Schiess, Gründungsmitglied Fachverband für Denkmalpflege im Holzbau
Was können Zimmerleute von früher, das heute kaum noch jemand beherrscht?
Die Zimmerleute hatten keine elektrischen Maschinen und haben trotzdem riesige, kunstvolle Holzhäuser gebaut. Einen Balken mit dem Beil zu bearbeiten, erfordert Kraft, Geschick und Erfahrung. Heute machen uns Maschinen und industriell gefertigte Materialien vieles einfacher. Aber ich frage mich manchmal, ob wir uns dadurch auch weniger Mühe geben.
Sind historische Holzbauten auch ein Vorbild für nachhaltiges Bauen?
Absolut. Manche Häuser stehen seit 500 Jahren. Ein besserer Beweis für Nachhaltigkeit fällt mir kaum ein. Heute sparen wir vielleicht Energie, bauen aber Gebäude, die längst nicht so lange halten. Für mich heisst nachhaltig bauen deshalb auch: langlebige Gebäude schaffen und Bestehendes erhalten.
Wie setzt ihr diese Haltung bei euch im Betrieb um?
Bei der Materialwahl sind wir konsequent, auch bei der Arbeit an neuen Gebäuden. Wir verwenden ausschliesslich Massivholz aus der Schweiz, möglichst aus der Region. Auf chemische Oberflächenbehandlungen und Bauschaum verzichten wir. Stattdessen setzen wir auf ökologische Materialien, die später keinen Sondermüll verursachen. Wir übernehmen auch gerne knifflige Aufträge, bei denen andere abwinken: zu kompliziert, lohnt sich nicht.
Lohnt sich diese Spezialisierung wirtschaftlich?
Für uns auf jeden Fall! Wir haben uns bewusst auf diese Nische spezialisiert. Es gibt immer weniger Handwerkerinnen und Handwerker, die traditionelle Techniken beherrschen. Genau darin liegt unsere Stärke. Dieses Wissen geben wir an unsere Mitarbeitenden und Lernenden weiter. Wer sich vertiefen möchte, kann sich als ersten Schritt beispielsweise im Handwerk in der Denkmalpflege weiterbilden.
Wie sieht die Zukunft des Zimmermannshandwerks aus?
Ich bin überzeugt, dass das Weiterbauen im Bestand an Bedeutung gewinnt. Bauland ist knapp, und bestehende Gebäude zu erhalten, ist oft nachhaltiger als ein Neubau. Dafür brauchen wir Fachleute, die historische Konstruktionen verstehen. Denkmalpflege lässt sich kaum in der Grundausbildung vermitteln und gehört für mich deshalb in eine spezialisierte Weiterbildung.
Gibt es ein historisches Gebäude, das dich besonders beeindruckt?
Nicht nur eines! Mich begeistert die Vielfalt der Schweizer Holzbauten. Die ältesten Balken, die ich bisher in den Händen hielt, stammen aus der Zeit um 1300. Ob Mittelalter, Barock oder frühes 20. Jahrhundert: Alles, was vor 1940 gebaut wurde, fasziniert mich. Danach hat die Industrialisierung das Handwerk stark verändert.
Wieso liegen dir alte Bauten so sehr am Herzen?
Ein altes Haus ist mehr als ein Gebäude. Es erzählt unsere Geschichte und ist Teil unserer Identität. Das gilt es zu bewahren. In der Schweiz sind gerade mal fünf Prozent der Gebäude geschützt. Deshalb verstehe ich nicht, warum sich manche so darüber aufregen.



